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Kopfrechnen mit Achtzig: Warum Sabine Hoffmann bei diesem Rätsel scheiterte

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Sabine Hoffmann, Mathelehrerin an einer Gesamtschule in Bielefeld, hatte diesen Blick schon hundertmal gesehen: den Blick eines Schülers, der die Hand hebt und fragt, wozu man das eigentlich braucht — Gleichungen, Bruchrechnung, geometrische Beweise, die man nach der Prüfung nie wieder anfasst. Sie stand am Whiteboard, den Marker in der Hand, und wartete, bis die Klasse 8b sich beruhigte. Draußen fuhr die Straßenbahn Richtung Jahnplatz vorbei, man hörte das Quietschen bis in den dritten Stock.

„Mathematik bringt euch nicht bei, wie man Zahlen addiert", sagte sie. „Sie bringt euch bei, wie man denkt. Wie man ein Muster erkennt, bevor man die Lösung sieht."

Ein Junge in der letzten Reihe, Tim, verdrehte die Augen. Sabine lächelte nur — sie hatte einen Trumpf im Ärmel. Auf ihrem Handy war ein Rätsel gespeichert, das ihr eine Kollegin aus der Nachbarschule geschickt hatte, mit dem Kommentar: „Das schafft keiner auf Anhieb." Sie projizierte es über den Beamer an die Wand: drei Reihen mit geometrischen Figuren — Dreiecke, Kreise, Quadrate —, jede mit einer eigenen Zahl, und darunter eine vierte Reihe mit einem Fragezeichen.

„Wer knackt das als Erster, kriegt am Freitag keine Hausaufgaben auf."

Es wurde ruhig im Klassenzimmer. Kugelschreiber kratzten über Papier, jemand kaute an seinem Radiergummi. Tim, der eben noch gelangweilt aus dem Fenster geschaut hatte, beugte sich plötzlich über sein Heft. Auch Sabine selbst, die das Rätsel schon zweimal gelöst hatte, stellte sich wieder an die Tafel und rechnete mit — nicht weil sie es musste, sondern weil sie es liebte, wenn eine Zahl sich am Ende doch anders verhielt, als man erwartet hatte.

Nach vier Minuten meldete sich ein Mädchen aus der zweiten Reihe, Jasmin, die in Mathe eher zu den Durchschnittlichen zählte. „Ich hab's", sagte sie, mit einem Zittern in der Stimme, das halb Unsicherheit, halb Stolz war. „Achtzig."

Sabine drehte sich zu ihr um. „Zeig mir, wie du drauf gekommen bist."

Jasmin erklärte: Man dürfe die Zahlen nicht einzeln addieren, sondern müsse die Beziehung zwischen den Figuren in jeder Reihe multiplizieren und dann die Differenz zur nächsten Reihe bilden. Ein Muster, das auf den ersten Blick wie Zufall aussah, sich bei genauerem Hinsehen aber als stures System entpuppte. Die Klasse murmelte, ein paar rechneten nach, jemand rief „stimmt tatsächlich!" und Tim, der drei Minuten vorher noch gemeint hatte, das Ganze sei Zeitverschwendung, schrieb die Lösung wortlos in sein Heft ab.

Was Sabine an diesem Nachmittag aber wirklich überraschte, war nicht Jasmins richtige Antwort. Es war, dass sie selbst — mit ihrem Mathematikstudium, mit fünfzehn Jahren Berufserfahrung, mit einem Regal voller Fachliteratur zu Hause in ihrer Wohnung in der Herforder Straße — beim ersten Versuch auf zweiundsiebzig gekommen war. Falsch. Sie hatte die Reihenfolge der Operationen vertauscht, genau wie neunzig Prozent der Erwachsenen es tun, wie ihr die Kollegin später am Telefon erzählte, mit einem Lachen, das mehr Mitgefühl als Spott enthielt.

Am Abend, beim Abendessen mit ihrem Mann Jonas, erzählte Sabine die Geschichte noch einmal. Jonas, der als Ingenieur bei einem Maschinenbaubetrieb in Gütersloh arbeitete und sich für einen Zahlenmenschen hielt, verlangte das Rätsel sofort auf dem Handy zu sehen. Er kaute an seinem Brot, rechnete mit dem Finger auf der Tischdecke mit, kam nach zwei Minuten auf vierundsechzig. Auch falsch.

„Das ist doch Betrug", sagte er und schob den Teller ein Stück weg. „Da fehlt eine Regel."

„Es fehlt keine Regel", antwortete Sabine. „Es fehlt Geduld. Du willst die Antwort schneller haben, als du das Muster verstehst."

Er schwieg einen Moment, dann grinste er schief und sagte, sie solle das nächste Rätsel bloß nicht beim Skatabend mit seinen Kollegen zeigen, sonst würden sie alle vier Stunden am Küchentisch sitzen bleiben, statt zu spielen.

Am nächsten Tag brachte Sabine ein zweites Rätsel mit in die Schule — das schwierigere, bei dem man zunächst aus drei vorgegebenen Beispielen die Regel ableiten und diese dann auf ein viertes anwenden musste. Sie klebte den Ausdruck ans schwarze Brett im Lehrerzimmer, mit einem Zettel darunter: „Wer's als Erste(r) löst, kriegt einen Kaffee aus dem Automaten spendiert." Innerhalb einer Stunde standen vier Kollegen davor, stritten sich leise über die richtige Reihenfolge der Rechenschritte, einer holte sogar einen Taschenrechner aus der Schublade, obwohl das Rätsel eigentlich mit Kopfrechnen zu lösen war.

Es war schließlich der Hausmeister, Herr Bartsch, der zufällig vorbeikam, um eine kaputte Glühbirne auszutauschen, der die Lösung als Erster fand. Er stand auf der Leiter, schaute kurz auf den Zettel, sagte „einunddreißig" und stieg weiter, als wäre nichts gewesen. Die Lehrer sahen sich an, halb verblüfft, halb amüsiert. Sabine holte ihm trotzdem den Kaffee, schwarz, zwei Stück Zucker, wie er ihn immer trank, und stellte ihn auf die oberste Sprosse der Leiter.

Am Freitag, wie versprochen, gab Sabine der Klasse 8b keine Hausaufgaben auf. Stattdessen schrieb sie ein neues Rätsel an die Tafel und sagte, dieses Mal habe niemand von den Erwachsenen es bislang lösen können — nicht sie, nicht Jonas, nicht die Kollegen im Lehrerzimmer. Die Klasse wurde still, dann laut, dann wieder still. Tim, der Junge aus der letzten Reihe, meldete sich als Erster zu Wort und sagte, er habe eine Idee, aber er sei sich noch nicht sicher. Sabine reichte ihm den Marker und trat einen Schritt von der Tafel zurück.

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