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Der Hund, der Klaus Bregenz das Leben rettete

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Der Hund, der Klaus Bregenz nicht gehen ließ

Klaus Bregenz hat seiner Schwägerin Renate nie erzählt, warum er nach dem Tod ihrer Schwester nicht mehr zu den Sonntagsessen kam. Sie hat ihm das übelgenommen, elf Jahre lang, und er hat sie einfach machen lassen. Jetzt, mit vierundsechzig, sitzt er in seiner Werkstatt in Wuppertal-Barmen und erzählt es zum ersten Mal jemandem, der zuhört: seinem Neffen Tobias, der zufällig zum Ölwechsel vorbeigekommen ist.

Es war der November 2015. Bregenz hatte gerade seine Frau Sigrid begraben, nach neunundzwanzig Jahren Ehe, und die Wohnung in der Hufschmiedstraße war ihm zu leer, zu laut in ihrer Stille. In der Nacht nach der Beerdigung hat er die Tabletten aus dem Badezimmerschrank auf den Küchentisch gestellt, alle drei Packungen, und sich hingesetzt, um sie zu zählen. Möller, der alte Schäferhund-Mischling, hat da angefangen, an der Wohnungstür zu kratzen, immer wieder, mit dieser stumpfen Beharrlichkeit, die Bregenz irgendwann aus der Küche getrieben hat, nur um ihm die Leine anzulegen und ihn rauszulassen. Kein Ziel, nur weg von diesem Tisch. Der Nachtbus 645 fuhr gerade an ihm vorbei, die Scheiben beschlagen, drinnen jemand mit Kopfhörern, der ins Leere schaute. Bregenz ist am Wupperufer entlanggegangen, stundenlang, die Tabletten noch auf dem Küchentisch, bis die Straßenlaternen ausgingen und der Himmel grau wurde.

Renate hatte ihn seit der Beerdigung angerufen, dreimal, er ist nicht rangegangen. Sie hatte gesagt, er solle nicht so ein Drama daraus machen, Sigrid sei auch ihre Schwester gewesen, sie habe auch getrauert, ob er sich einbilde, der Einzige zu sein, der leidet. Er hatte aufgelegt.

An diesem Morgen, kurz vor sechs, kamen Bregenz und Möller an ein schmiedeeisernes Tor. Dahinter lag ein Anwesen, wie er es nur aus Prospekten kannte: beschnittene Hecken, ein Springbrunnen, der im ersten Licht glitzerte, Fenster, hinter denen leise Klaviermusik lief. Ein Mann in dunklem Anzug stand am Torpfosten, aufrecht, die Hände hinter dem Rücken.

„Entschuldigung", sagte Bregenz, die Stimme rau vom Frost, „was ist das hier für ein Ort?"

„Das ist der Himmel", antwortete der Mann, ohne zu zögern. „Sie sind angekommen. Jetzt können Sie sich ausruhen."

„Gibt es hier Wasser?"

„So viel Sie wollen. Brunnen, ein Schwimmbecken, klares Quellwasser."

„Und zu essen?"

„Alles, was Sie sich wünschen."

Bregenz zeigte auf Möller, der sich zitternd an sein Bein drückte, die Schnauze voller Rauhreif. „Ich habe meinen Hund dabei."

Der Mann verzog das Gesicht, als hätte man ihm etwas Unangenehmes unter die Nase gehalten. „Hunde sind hier nicht erlaubt. Er bleibt draußen. Und bitte, keine Diskussion."

Bregenz hat nicht diskutiert. Er hat sich umgedreht und ist weitergegangen, Möller an seiner Seite, die Pfoten wund vom Kopfsteinpflaster. Er erzählt Tobias, dass er in diesem Moment gedacht hat: Renate hätte genau das gesagt. Dreißig Jahre kenne ich dich, hätte sie gesagt, und jetzt, wo's schwer wird, lässt du deinen ältesten Freund vor der Tür stehen, damit du selbst reinkannst.

Eine halbe Stunde später kamen sie an einen Bauernhof am Ortsrand, windschief, mit einem rostigen Zaun und einem Mann, der auf einem umgedrehten Eimer saß und eine Thermoskanne in der Hand hielt.

„Ich habe furchtbaren Durst", sagte Bregenz.

„Kommen Sie rein, hinterm Haus ist ein Brunnen."

„Und mein Hund?"

„Direkt neben dem Brunnen steht ein Napf für ihn, aus verzinktem Blech, mein Vorgänger hat den noch selbst gelötet."

„Gibt es auch was zu essen?"

„Ich hab noch Brot und eine Scheibe Leberkäse übrig, wenn Sie mögen."

„Und für den Hund?"

„Für den find ich auch was. Einen Knochen vielleicht, vom Sonntagsbraten."

Bregenz blieb stehen. „Was ist das hier für ein Ort?"

„Das ist der Himmel", sagte der Mann und schenkte sich Kaffee nach, der nach Zichorie roch.

„Aber der Torwächter beim Anwesen mit dem Springbrunnen hat gesagt, der Himmel sei dort."

Der Mann lachte kurz, ohne Bosheit. „Das war die Hölle. Die lassen einen ohne die Seinen rein, und dann merkt man's erst, wenn die Tür schon zu ist. Bei uns hier weiß jeder Köter, wo er hingehört, und jeder Mensch auch."

Bregenz hat Möller in diesem Moment die Ohren gekrault, so fest, dass der Hund kurz aufgejault hat, und ist dann neben ihm auf die Stufe gesunken. Er erzählt Tobias, dass er dort zwei Stunden geblieben ist, Kaffee getrunken hat, während Möller den Knochen abnagte, und dass ihm irgendwann klar wurde, dass er zu Hause etwas auf dem Küchentisch stehen hatte, das er wegschütten musste, bevor er das Haus wieder betrat. Er hat einen Umweg über die Apotheke am Kolk gemacht, mit den vollen Packungen in der Jackentasche, und sie dort in den Rücknahmebehälter für Altmedikamente geworfen.

Renate hat er nicht angerufen. Er wollte niemandem erklären, was er gerade begriffen hatte, am wenigsten ihr, die genau in dem Moment am Telefon zur Torwächterin geworden war, die einen aus der Kälte ins Warme lassen will, aber nur, wenn man den Teil von sich draußen zurücklässt, der gerade am meisten Beistand braucht.

Erst Wochen später, als Renate ihn wieder anrief und fragte, ob er zu Weihnachten komme, hat er zurückgerufen. Sie hat nicht gefragt, wo er gewesen war in den Tagen nach der Beerdigung. Er hat es ihr nie erzählt, bis heute nicht.

„Und warum sagst du's mir jetzt?", fragt Tobias.

Bregenz wischt sich die Hände an einem Lappen ab und schaut zu Möllers Nachfolger hinüber, einem jungen Rüden namens Karl, der unter der Hebebühne döst.

„Weil du mich letzte Woche gefragt hast, ob ich mit zum Junggesellenabschied komme, obwohl ich in dem Alter da bloß rumsitze und Bier trinke. Und ich hab ja gesagt, direkt. Ohne nachzudenken."

Er geht rüber zu Karl, hockt sich neben ihn auf den kalten Betonboden und lässt sich die Hand ablecken, die noch nach Motoröl riecht.

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