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Der zweite Hof von Lindenau

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Grit Oberländer hatte sechsunddreißig Jahre lang in der Konservenfabrik am Stadtrand von Lindenau gearbeitet, bevor der Betrieb dichtmachte und sie mit zweiundfünfzig ihre Abfindung und einen Schuppen voller Walnussschalen bekam. Die Schalen stammten nicht aus der Fabrik. Die hatte ihr Nachbar Udo Rackwitz jahrelang einfach über den Zaun geworfen, weil die Kommune in Lindenau Walnussschalen nicht in der Biotonne haben wollte und die Grüngutannahme am Wertstoffhof drei Euro pro Sack verlangte. Also lagen sie bei Grit im Schuppen, Jahr für Jahr mehr, bis der Haufen fast bis zur Dachlatte reichte.

Im März, kurz nachdem sie arbeitslos geworden war, saß Grit an einem Dienstagabend am Küchentisch und drehte eine halbe Walnussschale zwischen den Fingern. Ihre Tochter Steffi hatte gerade angerufen und gefragt, ob sie nicht langsam überlegen solle, zu ihr nach Chemnitz zu ziehen, weil Lindenau ja sowieso ausstirbt. Grit hatte aufgelegt, ohne wirklich zu antworten. Sie schaute auf die Schale in ihrer Hand und dachte an die Hühner, die sie sich letztes Jahr aus Langeweile angeschafft hatte, und daran, dass die Wassernäpfe aus Plastik im Sommer immer kippten, weil die Hühner dagegen pickten.

Sie nahm eine der dickeren Schalenhälften, schliff den Rand mit der alten Flex ihres verstorbenen Mannes glatt und stellte sie in den Hühnerstall. Die Schale kippte nicht. Sie war schwer genug, stand von selbst gerade, und die Hühner tranken daraus, als wäre es schon immer so gewesen.

Das allein hätte nichts bedeutet, wenn nicht zwei Wochen später Ines Brankowitz vorbeigekommen wäre, die den Hofladen am Ortseingang betrieb und seit Jahren klagte, dass sie keine vernünftigen Blumentöpfe für die kleinen Sukkulenten bekam, die sie an Touristen verkaufte, die auf dem Weg zum Kloster Nimbschen durch Lindenau fuhren. Ines sah die Schale im Stall stehen, fragte, ob Grit noch mehr davon habe, und kaufte ihr am selben Nachmittag zwanzig glatt geschliffene Halbschalen ab, für zwei Euro das Stück.

Grit hätte das als netten Zufall abtun können. Aber sie rechnete nach, wie sie es in der Fabrik gelernt hatte, wo man nie etwas wegwarf, ohne vorher zu prüfen, ob es sich noch verwerten ließ. Zweiundsiebzig Schalen lagen noch im Schuppen. Mal zwei Euro waren hundertvierundvierzig Euro, für Material, das sie sonst zum Wertstoffhof hätte fahren müssen und dort noch hätte bezahlen sollen.

Sie fing an, systematisch zu arbeiten. Die größeren Schalen wurden zu Hühnernäpfen und, geölt mit Leinöl, zu kleinen Schalen für Vogelfutter, die sie an den Baumärkten in Grimma in Kommission gab. Die kleineren, unregelmäßig gebrochenen Stücke bohrte sie durch, fädelte Juteschnur hindurch und verkaufte sie als rustikale Übertöpfe auf dem Wochenmarkt in Grimma, jeden Samstag, neben dem Stand mit dem Sauerteigbrot. Was nicht mehr als Form taugte, zerkleinerte sie mit einer alten Hackmaschine und presste daraus, zusammen mit etwas Stärkekleber, Grillbriketts, die sie in Fünf-Kilo-Säcken für sechs Euro fünfzig an die Campingplatzbetreiber am Parthe-Stausee verkaufte, weil Walnussschalenkohle länger glüht als normale Grillkohle und kaum Rauch macht.

Udo Rackwitz, der die Schalen all die Jahre einfach über den Zaun geworfen hatte, bekam das erst mit, als seine Frau ihm erzählte, dass sie bei Ines im Hofladen für drei Euro fünfzig einen Übertopf gekauft hatte, der verdächtig nach dem Walnussbaum in ihrem eigenen Garten roch. Udo ging rüber, fand Grit im Schuppen zwischen Säcken voller fertiger Briketts und sagte nur: Das sind doch meine Schalen gewesen.

Grit sah ihn an, wischte sich die Hände an der Schürze ab und sagte: Deine Schalen waren Müll, Udo. Du hast sie über den Zaun geschmissen, weil du sie nicht wolltest. Jetzt sind es meine Produkte.

Er wollte nicht lockerlassen, fing an von Beteiligung zu reden, davon, dass der Baum ja ihm gehöre, und Grit holte wortlos den Ordner, den sie seit März führte. Darin lagen die Kassenzettel vom Wertstoffhof aus den Jahren davor, die Udo selbst ihr gegeben hatte, weil sie einmal zusammen eine Fuhre hinbrachten und er quittiert haben wollte, dass er die Entsorgungsgebühr getragen hatte, obwohl er sie nie bezahlt hatte. Sie zeigte ihm außerdem die Lieferscheine an Ines und an die Baumärkte, alle auf ihren Namen, mit ihrer Steuernummer, die sie extra beim Finanzamt Grimma für das Kleingewerbe beantragt hatte, sobald der Umsatz im Mai über die Vierhundert-Euro-Grenze gestiegen war.

Udo stand mit dem Ordner in der Hand im Schuppen und wusste nicht, was er sagen sollte. Grit nahm ihm den Ordner wieder ab, legte ihn zurück ins Regal neben die Brikettpresse und sagte: Wenn du willst, kannst du mir ab jetzt deine Schalen für zwanzig Cent das Kilo verkaufen, wie jeder andere auch. Sonst wirf sie weiter über den Zaun, dann bleiben sie meins.

Er kam am nächsten Montag wieder, mit zwei vollen Eimern, und ließ sie wiegen.

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