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Die Kaffeetafel bei Wagners in Lindenhof

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Ich bringe seit elf Jahren die Brötchen zu den Wagners, immer sonntags gegen halb neun, mit dem Fahrrad, weil der Bäckerladen bei uns in Lindenhof keine zwei Straßen von ihrem Reihenhaus entfernt liegt. Man kennt sich in so einer Siedlung, man grüßt sich über den Gartenzaun, man weiß, wessen Auto welches ist. Bei Wagners war es der silberne Passat vom Sohn Jonas, der jeden zweiten Sonntag aus Mannheim kam, und der alte Opel von Herbert, dem Großvater, der seit dem Tod seiner Frau kaum noch fuhr, aber das Auto trotzdem nicht abmeldete.

Ich hatte an diesem Sonntag keine Eile. Meine Schicht in der Bäckerei war zu Ende, ich wollte nur noch die letzte Tüte Mohnbrötchen abliefern, dann heim, Kaffee, Tatort-Wiederholung. Aber vor dem Gartentor stand die ganze Familie schon draußen, und irgendetwas an der Art, wie sie standen, ließ mich das Rad langsamer schieben statt es einfach an den Zaun zu lehnen.

Renate, die Schwiegertochter, hatte die Kaffeekanne noch in der Hand, mitten auf dem Gehweg, als hätte sie vergessen, wozu die Kanne da ist. Ihr Mann Jonas stand mit dem Rücken zur Terrassentür. Und der alte Herbert saß auf der Bank neben dem Rosenbeet, in seinem Sonntagshemd, mit dem Rollator vor den Knien, und redete auf eine Art, die man in diesem Viertel eigentlich nur von den Enten am Weiher kennt: laut, aber ohne dass jemand richtig zuhört.

Ich verstand nicht gleich, worum es ging. Erst später, als ich die Brötchentüte auf den Gartentisch legte und keiner mich wegschickte, setzte sich das Bild zusammen. Herbert hatte vor drei Wochen die Werkstatt — seine alte Fahrradwerkstatt in der Bahnhofstraße, die er vierzig Jahre lang selbst geführt hatte, bevor die Knie ihn zwangen aufzuhören — auf den Enkel überschrieben. Nicht auf Jonas. Auf Jonas' jüngeren Bruder Tobias, der seit zwei Jahren kaum noch vorbeikam, aber wohl genau in dem Moment aufgetaucht war, als der Notar gebraucht wurde.

Renate sagte irgendwann, mit der Kanne immer noch in der Hand: „Wir waren jeden Sonntag da. Jeden einzigen." Ihre Stimme kippte bei „einzigen" um, als würde das Wort selbst zu schwer.

Jonas sagte gar nichts. Er stand nur da, die Arme verschränkt, und irgendwie tat mir das mehr weh anzusehen als das Schreien, das ich sonst manchmal höre, wenn ich an Sonntagen ausliefere und Familien sich vor der Kaffeetafel schon zerlegen.

Herbert versuchte zu erklären, dass Tobias Geld gebraucht habe, dass er es „schnell regeln" wollte, dass es „nur eine Werkstatt" sei, kein Vermögen. Aber jeder am Tisch wusste: Es ging nicht um die Werkstatt. Es ging darum, wer vierzig Sonntage im Jahr da gewesen war und wer vier.

Ich wollte eigentlich gehen. Es war nicht meine Angelegenheit, ich hatte noch zwei Häuser zu beliefern, und die Mohnbrötchen wurden kalt. Aber Herbert sah mich an, so wie man jemanden ansieht, der zufällig gerade da ist und den man deshalb bitten kann, was man den eigenen Leuten nicht sagen will, und fragte, ob ich ihm ein Glas Wasser bringen könnte, aus der Küche, er komme mit dem Rollator nicht so schnell rein.

Ich brachte das Wasser. Auf dem Rückweg durch den Flur sah ich auf der Kommode einen braunen Umschlag liegen, mit dem Stempel des Notariats aus der Kaiserstraße, und daneben, halb offen, eine graue Mappe mit dem Wagners'schen Familienstammbuch, das Renate wohl schon rausgesucht hatte, ohne dass ich wusste, wofür.

Als ich zurückkam, hatte sich die Szene verändert. Renate hatte die Kanne endlich abgestellt. Sie stand jetzt vor Herbert, nicht aggressiv, eher wie jemand, der eine Rechnung aufmacht, die lange fällig war. Sie sagte, dass sie am Montag zur Bank gehen werde. Dass sie das Konto auflösen werde, das sie all die Jahre für Herberts Pflege eingerichtet hatten — zweihundertachtzig Euro monatlich, die sie seit sieben Jahren überwiesen, damit die Haushaltshilfe zweimal die Woche kommen konnte. Dass Tobias, wenn er die Werkstatt bekomme, wohl auch die Pflege übernehmen könne, so wie er die Verantwortung übernommen habe.

Herbert wurde still. Nicht beleidigt still, eher so, wie jemand still wird, der zum ersten Mal begreift, dass eine Unterschrift eine Rechnung nach sich zieht.

Jonas löste endlich die verschränkten Arme und sagte nur: „Sie hat recht, Papa." Mehr nicht. Aber es reichte.

Ich stellte das Wasserglas ab und wollte mich wirklich verabschieden — meine Frau wartete mit dem Kaffee, und die letzte Auslieferung, zur alten Frau Beckmann drei Häuser weiter, würde sonst zu spät. Beim Rausgehen sah ich, wie Renate sich neben Herbert auf die Bank setzte, die Mappe mit dem Stammbuch in der Hand, und ihm die Kontoauszüge der letzten Jahre zeigte, Zeile für Zeile, ruhig, ohne Vorwurf im Ton, nur mit der Sachlichkeit von jemandem, der eine Sache erledigen will, bevor der Sonntagsbraten kalt wird.

Am Montagmorgen, als ich wieder Brötchen brachte, diesmal für die Nachbarn gegenüber, stand vor Wagners kein Passat mehr. Nur der alte Opel, verstaubt wie eh und je. Die Nachbarin erzählte mir über den Zaun, dass Tobias am Sonntagabend noch angerufen habe, weil die Bank ihm mitgeteilt hatte, das Pflegekonto sei zum Monatsende gekündigt worden, und dass er wissen wollte, wer sich jetzt „um den Alten" kümmere.

Ich weiß nicht, was Renate ihm geantwortet hat. Aber die Haushaltshilfe kam am Mittwoch wie gewohnt, das sah ich, als ich die Extraportion Vollkornbrötchen für Herberts Diät vorbeibrachte, die er sich seit Jahren jeden Mittwoch bestellte. Und auf der Fensterbank im Wohnzimmer stand jetzt, gut sichtbar von der Straße aus, ein gerahmtes Foto von Renate und Jonas mit Herbert vor der alten Werkstatt, aus einer Zeit, in der noch niemand einen Notar gebraucht hatte.

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